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Konzert und Oper

Zuletzt aktualisiert: 31.10.2017

Im Mai erschien Rittners sechste CD für das Label MDG: alle Etüden von Frédéric Chopin, eingespielt auf einem Piano von Conrad Graf aus dem Jahr 1835. Im BBR, kulturradio, wurde sie am 18. Juni vorgestellt als CD der Woche. Volker Michael meinte dazu unter anderem:

... Der Berliner Pianist Hardy Rittner hat jetzt beide Etuden-Zyklen von Chopin und seine "Trois Nouvelles Études" auf einem historischen Flügel eingespielt. Er hat Chopins Etuden wirklich als solche kennen gelernt. Schon als Kind erarbeitete er sich mit diesen "Übungen" seine vollkommene Spieltechnik. Schließlich sind sie ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Und er hat sie genauso intensiv erlebt wie die Mazurken, Preludien, Nocturnes und Walzer des polnischen Nationalhelden. Das zeigt jetzt diese Aufnahme, in der Rittner jede Note und jede Spielanweisung akkurat und zugleich atmend und lebendig umgesetzt hat.
Bei Rittner wirken die Etuden wie moderne Musik
Rittner hat auch Musik von Brahms und Schönberg auf alten Flügeln eingespielt. Das zeigt seine Offenheit und Neugier, die Klangwelt des 19. Jahrhunderts zu erforschen. Dennoch sieht er sich überhaupt nicht als Fachmann für historische Klaviere und bevorzugt eigentlich einen modernen Steinway. Chopins Etuden hat Rittner für seine aktuelle CD auf einem Wiener Flügel von 1835 gespielt, der aus der Werkstatt von Conrad Graf stammt. Chopin selbst schrieb einmal aus Wien: "Am besten geht es mir, wenn ich mich auf dem wundervollen Grafschen Piano satt gespielt habe..." Bei Rittner wirken die Etuden wie moderne Musik, auch heute noch. Souverän und ohne falsches Pathos präsentiert er die berühmten Stücke - die Revolutionsetude oder die klagend-gesangliche cis-Moll-Etude aus op. 25. Die volle Aufmerksamkeit lenkt der Berliner Pianist allerdings auf die anderen, scheinbar weniger wichtigen Etuden: Die kurzen aphoristischen, die erst so richtig zur Geltung kommen, wenn man die beiden Sammlungen op. 10 und op. 25 als Gesamt-Kunstwerke erleben kann. Die erste cis-Moll-Etude beispielsweise - ein Presto im Grenzbereich der Schallgeschwindigkeit - erhält bei ihm Gewicht und eine eigene Gestalt.
Eine spannende Entdeckung
Die neue CD Rittners zeigt, wie tief er die Notwendigkeit empfunden hat, diese und nur diese Werke Chopins zu spielen. Weil er sich jahrzehntelang mit den Etuden beschäftigt hat, kann er nun die Genialität Chopins erlebbar machen: Wie gut es diesem "Nur-Klavierkomponisten" gelungen ist, zwei Welten zu etwas ganz eigenem zu verschmelzen: Die Vielstimmigkeit Bachs mit der Gesanglichkeit der italienischen Oper. Rittner kreiert ein geheimnisvoll grummelndes Stimmenkaleidoskop, das auf dem historischen Flügel klare Konturen erhält. Genauso zeigt er aber auch seinen Sinn für tanzbare Fröhlichkeit und Spontaneität, aus der bei Chopin doch die größte Musik entstanden ist. So ganz beiläufig lernt man auf dieser CD zudem noch die nachgelassenen "trois nouvelles Études" kennen - auch das eine spannende Entdeckung.

Eigenständig und virtuos
Hardy Rittners jüngste CD mit allen 27 Etüden  Chopins gehört ohne Wenn und Aber in den immer noch relativ kleinen  Kreis restlos überzeugender Aufnahmen der großen romantischen  Klavierstandards auf Instrumenten der Entstehungszeit.
Klar, sein Instrument, ein um 1835 gebautes  Wiener Pianoforte von Conrad Graf, besitzt das charakteristische Timbre  der alten Hammerflügel. Es lässt sich aber offenbar virtuos  herannehmen, ohne darauf gleich mit all den klanglichen oder  mechanischen Unvollkommenheiten zu reagieren, die so viele Klavierfans  nach wie vor skeptisch auf Aufnahmen mit altem Gerät blicken lassen. Und Rittner, Anfang dreißig und gerade erst mit historisierendem Brahms  eindrucksvoll hervorgetreten, spielt die meisterhaften Würfe des jungen  Chopin mit einer Virtuosität, die sich ohne Weiteres dem Vergleich mit  erstrangigen “€žmodernen”  Einspielungen stellen kann - auch, um die beiden derzeit gängigsten Referenzen zu nennen, mit denen Pollinis (1971) und  Perahias (2001).
Mag sein, dass man hier und da ein Pianissimo  oder einen Vorschlag mehr erahnen muss als wirklich hört: An  Großzügigkeit des Zugriffs und am Schlagen weiter Melodiebögen ist  sein Spiel der Konkurrenz oft überlegen. Vor allem aber legt er hier  eine Lesart vor, die vom ersten bis zum letzten Takt fantasievoll frisch und eigenständig wirkt und ihn nicht selten zu überraschenden, aber  immer schlüssigen Textauslegungen gelangen lässt. Vielleicht am  eindrucksvollsten in der berühmten E-Dur-Etüde op. 10, Nr. 3, der Rittner durch das Ernstnehmen der Mittelstimmensynkopen überzeugend neue  Bewegtheit und Dringlichkeit mitgibt, oder durch die Rubato-Deklamation  des oft unterschätzten f-Moll-Stücks aus demselben Opus 10, das er auf  diese Weise zu einmalig “€žsprechender” Intensität gelangen lässt.  Glänzend, hörenswert!
FonoForum, 9/2012, Ingo Harden


NDR Kultur, 24.5.2012 - Vorgestellt von Christoph Vratz
Seine musikalische Heimat? Alle Indizien sprechen für Brahms. Denn Hardy Rittner hat nicht nur eine Gesamteinspielung aller Brahms-Solowerke für Klavier begonnen, sondern zuletzt auch dessen erstes Klavierkonzert eingespielt.
Rittners Markenzeichen: Er spielt auf historischen Flügeln des 19. Jahrhunderts. Nun hat er sich erstmals Werken von Frédéric Chopin zugewandt. Der Befund? Verblüffend, findet Christoph Vratz.
Noch schnellere Tempi
Allegro - schnell, hat Chopin seine erste Etüde überschrieben. Doch Hardy Rittner nimmt sie noch schneller, beinahe Presto. Geht das überhaupt? Ja, denn Rittner spielt auf einem historischen Flügel. Da ist der Widerstand beim Niederdrücken der Tasten geringer als bei heutigen Flügeln. Das ermöglicht schnellere Tempi. Doch Rittner ist weit davon entfernt, bei diesen Etüden bloß auf sportive Höchstleistungen zu setzen.
Einiges klingt bei dieser Aufnahme anders. Etwa die dritte Etüde aus op.10. Chopin schreibt in der Bassstimme eigene Akzente vor, die auf modernen Flügeln fast nie hörbar werden. Rittner verzögert diese tiefen Stimmen ein wenig, und prompt entsteht ein Dialog zwischen Ober- und Unterstimmen. Das ist gewagt, aber mit diesem Instrument funktioniert es.
Ein brilliantes Instrument
Hardy Rittner hat sich für einen Graf-Flügel aus dem Jahr 1835 entschieden. Graf, werden nun die Kenner fragen? Denn Graf war eine Wiener Klavierbaufirma, und Chopins Werke werden, wenn schon historisch, fast immer auf Pleyel- oder Erard-Instrumenten gespielt, Flügeln aus Paris, die Chopin selbst besessen hat. Warum hier also ein Wiener?
Rittner verweist im Beiheft darauf, dass Chopin während seiner Wien-Aufenthalte diese Instrumente kennen und sehr schätzen gelernt habe. Außerdem verfügt der Graf-Flügel über eine große dynamische Bandbreite, über reichlich Klangvolumen und eine eigene Brillanz, ein wahrhaft funkelndes Instrument.
Rittner vollbringt Großes
Rittner bringt diese Etüden zum Leuchten, doch er weiß auch um die Bedeutungen der kleinen Verzögerungen, der Rubati. Er lässt keine Luftlöcher entstehen, sondern schafft dezente Übergänge, die die Kontraste dieser Musik umso gewaltiger erscheinen lassen.
Herausragendes Chopin-Spiel zeichnet sich unter anderem durch kluges Timing aus. Das gelingt Hardy Rittner ebenso mühelos wie die Bewältigung der immensen technischen Schwierigkeiten. Mit glasklarem Anschlag und feinen Lautstärkeschattierungen vollbringt er Großes. Diese Etüden sind, so gespielt, keine trockenen Fingerübungen, sondern emotionale Mikrokosmen.

Kein Ermüden: neue Chopin-Etüden!
Ich übertreibe nicht, sie sind tatsächlich neu, in dieser Deutung und auf diesem Klavier, – was auch immer Sie an Interpretationen im CD-Schrank stehen oder sonstwo abgespeichert haben.
Hardy Rittners Wiedergabe am Conrad-Graf-Flügel von 1835 ist unvergleichlich. Nie würde ich eine lediglich “historisch korrekte” Interpretation rühmen, “korrekt” ist hier nichts, alles ist überwältigend schön und expressiv, angefangen beim Klang des alten Flügels im gewaltigen C-dur-Auftakt und dann von Etüde zu Etüde. Man kann nur staunen, wie jugendlich das alles klingt, wie klar artikuliert, phantasievoll, rhythmisch vielschichtig, wie leidenschaftlich!
[...]
Insgesamt eine Neu-Aufnahme der Chopin-Etüden, die man für lange Zeit ausschließlich hören möchte, – auch wenn man mit dem Kontrastprogramm Pollini (alt) / Perahia (neu) noch immer glücklich war.
Jan Reichow, 19.5.2012,
http://www.janreichow.de/wordpress/?p=8221

Salonsprengend
Hardy Rittners Einspielung der beiden Etüden-Sammlungen Frédéric Chopins begeistert mit einem leidenschaftlichen, ausdrucksstarken Zugriff, der durch die Klangfarbenvielfalt des historischen Flügels umso nuacenreicher gelingt.
Hardy Rittners jüngste Einspielung, für die er einmal mehr auf einen historischen Flügel des 19. Jahrhunderts zurückgreift, ist ein klarer Rückschritt – doch einzig, was den geschichtlichen Ort des Repertoires betrifft: Setzte er sich in den ersten bei MDG erschienenen Aufnahmen vornehmlich mit der Klaviermusik von Johannes Brahms auseinander und eröffnete sogar reizvolle Perspektiven auf Schönbergs Klavierstücke, so hat er sich nun der Etüden von Frédéric Chopin vorgenommen. Zwischen den Etüden-Sammlungen opp. 10 und 25 stehen die seltener zu hörenden 'Trois nouvelles Etudes', ein 1839 entstandener Beitrag des Komponisten für Moscheles‘ Klavierschule.
Auch diesmal mag die Wahl des Instrumentes überraschen. Statt einen Flügel von Pleyel, Chopins hochgeschätztem Paris Klavierbauer, zum Einsatz zu bringen, hat sich Hardy Rittner dafür entschieden, auf ein Wiener Instrument zu setzen, genauer: einen Flügel von Conrad Graf aus der Zeit um 1835. Seine Wahl, die der Pianist in einem Bookletbeitrag fundiert begründet, erweist sich nicht nur als klanglich goldrichtig, sondern ist auch historisch mehr als legitim: In Wien hatte Chopin Grafs Flügel nicht nur kennen-, sondern auch zu schätzen gelernt.
Im Gegensatz zu den meisten Pleyel-Flügeln mit ihrer weichen Opulenz, die gerade den weitaus besser als die Etüden für den Salon geeigneten Stücken als optimale Klangvermittlung bestens anstehen, zeichnet sich der Graf-Flügel durch eine typisch wienerische silbrige Delikatesse und Präsenz aus. Dieses Potential weidlich nutzend entwirft Rittner mithilfe dieses zu vielfältigen Schattierungen fähigen Instrumentes ein weit aufgefächertes Klangpanorama. Es schließt zarteste (auch clavichord-ähnliches Filigran wie in op. 25/1 ermöglichende) bis entrückte Farben ein, die mithilfe der Dämpfungsmöglichkeiten dieses Instruments erreicht werden, kann sich aber auch bis zur strahlend-hellen, kräftig zupackenden, körperlichen Attacke steigern.
Erstaunlich ist aber nicht nur der Nuancenreichtum an Stimmungen und Klangfarben, die Hardy Rittner diesem Instrument zu entlocken versteht – künstlerisch souverän ist vielmehr die untrennbare Verbindung von instrumentenspezifischem Farbpotential und interpretatorischem Zugriff. Denn nicht nur der Flügel ist wenig ‚salonhaft‘, auch die musikalische Annäherung Hardy Rittners entwirft ein Chopin-Bild, das vom Salonkomponisten meilenweit entfernt ist. (Nun ist das angesichts der Stücke so erstaunlich nicht, schließlich sind die Etüden kompositorisch wie auch im Hinblick auf die musikalische Charakterisierung äußerst verdichtet, vor allem aber von hohem technischen Anspruch. Das alles verweist darauf, dass diese Etüden ihren Bestimmungsort im Konzertsaal haben.) Aber Hardy Rittner geht – und genau hier treten die Klangpotentiale des historischen Instruments entscheidend in Erscheinung – einen Schritt weiter: Er spitzt die Leidenschaftlichkeit der musikalischen Aussage zu und entfernt Chopin damit umso weiter vom Salon.
Das zeigt sich schon in der ersten Etüde aus Opus 10: Der Graf-Flügel bietet die Möglichkeit, die Unterstimmen viel stärker zu gewichten als das auf einem heutigen Flügel möglich wäre, ohne die perlenden Arpeggien der Oberstimme zu verdunkeln. Rittner nutzt diese Möglichkeit und lässt die Unterstimmen-Melodik richtig donnern und krachen. Schon dieser Einstieg in Opus 10 ist salonsprengend, zu Chopins Zeit hätte man einen solchen Zugriff wohl als männlich bezeichnet. Auch im weiteren Verlauf nutzt der Pianist die unterschiedlichen Registerfarben, vor allem aber die knackige Ansprache der Bässe dazu, Gegenbewegungen in den Unterstimmen markant zu zeichnen. Das hat nicht nur zur Folge, dass man Chopins Klaviersatz so klar hören kann, als hätte man einen Nebelschleier weggezogen. Entscheidend scheinen für Hardy Rittner vielmehr die expressiven Potentiale zu sein: Ausdrucksnuancen in Nebenstimmen kommen durch die Plastizität des Klangs und die Ausgeglichenheit des Flügels optimal zur Geltung und bereichern damit die Atmosphäre, die Chopin in jeder einzelnen Etüde entwirft.
So legt Hardy Rittner etwa in der zügig und völlig plüschfrei gespielten E-Dur-Etüde op. 10/3 durch sinnvoll gesetzte Rubati (Rubati im engeren Sinn, d. h. in Form zeitlicher Verzögerungen im Anschlag zwischen den einzelnen Stimmen) die Mittelstimmenmelodik frei und findet sogar Platz, die Bassakzente schlüssig ins dichte Rankenwerk der Stimmen einzuflechten. So subtil der Umgang mit den außergewöhnlich reichhaltigen Klangfarben dieses Instruments auch ist – Hardy Rittner sucht nicht nach tonlicher Rundung als höchstem Ziel, sondern nach differenziertem, aber durchaus auch vehementem Ausdruck. Daher mag vieles hier nicht so butterweich erscheinen, wie man es zu hören gewohnt ist, auch wenn freilich Kantilenen mit großer Geschmeidigkeit zum Blühen gebracht werden.
Faszinierend ist eher, wie leidenschaftlich-unruhig, manchmal geradezu fiebrig Rittner den Ausdruckswerten nachspürt und diese manchmal gleichzeitig in verschiedenen Stimmungen aufdeckt oder sukzessive wie in dem Alternieren von Rezitativ und Kantilene von op. 25/7. In op. 10/3 spitzt er die Dramatik im letzten Drittel ungewöhnlich scharf zu, in der vorangehenden Etüde wirkt die chromatisch pfeifende Oberstimme wie der Soundtrack zu einem Fantasy-Film, in dem allerlei fantastisches Getier durch die Lüfte saust, während die Unterstimmen im Staccato vorsichtig ihren Weg am Boden suchen. Hardy Rittner erweist sich als technisch sattelfest, doch ist es neben der stupenden Technik die ausdrucksstarke Auffächerung des Klaviersatzes, die diese auch klanglich erstklassige Einspielung zu einer außergewöhnlichen Chopin-Platte macht.
Classic.Com, Kritik von Florian Schreiner, 10.08.2012