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Konzert und Oper

Zuletzt aktualisiert: 31.10.2017

Besprechungen der Einspielung der Sonaten Nr. 1 und 3 von Johannes Brahms

Die fünfte Folge in Hardy Rittners Brahms-Reihe besticht vor allem durch den verwendeten Steinway-Flügel aus dem Jahr 1860, dessen Farbenfülle der Pianist mit Feingefühl präsentiert. Brahms den Variationsmeister hören wir auf der hier vorliegenden fünften Folge von Hardy Rittners Gesamteinspielung auf historischen Instrumenten. ... Hardy Rittners Meisterschaft in der Interpretation der Brahms‘schen Klaviermusik ist ebenfalls längst unstrittig, und es kann hier (o Freude!) nur Aufgabe des Rezensenten sein, Variationen über Rittners Meisterschaft beizusteuern. Auf einem Steinway der Zeit um 1860 lässt er Klänge ertönen, um die jeder modernere Flügel das historische Instrument nur zutiefst beneiden kann. Was für Farben, was für eine reiche Klangfülle, ohne grob, spitz oder kalt zu klingen, was für feine Piani und Pianissimi! ... Rittners Spiel ist präzise, bei Bedarf elastisch in der metrischen Anpassung, virtuos ohne äußerlich zu sein, mit feinstem Gespür für die Möglichkeiten des Instruments, die der Pianist in Fülle ausnutzt. In den 'Händel-Variationen' und den 'Paganini-Variationen' kann er sich nun auch pianistisch in allen gemäßen Facetten einbringen. Manch einem mag Rittners Zugang zu ‚vernünftig‘, zu wenig vergrübelt erscheinen, doch überzeugen seine Interpretationen gerade durch ihre Klarheit und Frische. Und dieser Flügel! Zusammengenommen (Instrument und Pianist) ist diese Produktion schlicht ein Muss.
Jürgen Schaarwächter, 28.11.2016 in Klassic.Com.

Jugendlich-stürmischer Brahms
Nach seiner ersten, hinreissenden Einspielung Brahmsscher Klavierwerke legt der Pianist Hardy Rittner in der bei MDG erscheinenden Reihe ‚Johannes Brahms – Early Piano Works’ nun die nächste Folge vor. Auf vorliegender SACD widmet er sich nun, nach der ersten Produktion mit vergleichsweise weniger bekannten Werken, den zwei schwergewichtigen Sonaten Nr. 1 und Nr. 3. Schwergewichtig sind sie hier aber nur im Sinne der emotionalen Tiefe und expressiven Schärfe.
Rittner erlöst Brahms’ Sonaten vom dunkel Dräuenden, melancholisch Lastenden; zum Vorschein kommt bei Rittners interpretatorischem Zugang ein jugendlich frischer, aufwühlender, stellenweise geradezu aufpeitschender Brahms, ganz so, als ob Rittner die Assoziationen des greisen, bärtigen Grantlers durch das Bild des ‚Kreisler junior’, des Alter Ego Brahms’, ersetzen wollte. Herausgekommen ist dabei eine Platte, die man kaum hoch genug loben kann. Und vor allem eine, die selbst bei wiederholtem Hören Neues preisgibt, jedes Mal neue kleine Schätze zu enthüllen vermag.
Erdiger Klang wie Wurzelholz
Wie schon bei seiner ersten Einspielung in dieser Reihe greift Rittner auf ein historisches Instrument zurück. Doch hält er nicht an einer einmal gefundenen (guten) Lösung fest, also in diesem Fall an dem bei der vorherigen Platte verwendeten Streicher-Flügel aus dem Jahr 1851, sondern richtet die Wahl des Flügels an dem Charakter der Musik aus. So setzte er für die fis-Moll-Sonate op. 2 den silbrig schimmernden, hellen Steicher-Flügel ein, während Rittner hier nun auf einen Flügel aus der Werkstatt Bösendorfer von 1849/50 zurückgreift (wie der Streicher ebenso glänzend präpariert von Gert Hecher, in dessen Sammlung er sich befindet). Mit Wiener Mechanik und zwei Pedalen ausgestattet, zeichnet sich der Bösendorfer durch einen herben, erdigen, dunklen und matten Klang aus, der, wenn nicht das Foto des Flügels im Booklet Assoziationen lenkte, auch ohne Bildvorlage das Bild edlen, recht dunklen Wurzelholzes vor dem inneren Auge hervorriefe.
Für Brahms’ Erste und Dritte Sonate darf das Instrument als großartige Wahl gelten, auch wenn sich mancher Hörer an den herben Klang des Bösendorfers vermutlich erst wird gewöhnen müssen. Ohne Zweifel aber wächst dem Ausdruckspotential der beiden Werke eine Dimension zu, die mit dem modernen Flügel unerreichbar ist. Denn neben den klanglichen Feinheiten, die mit diesem Instrument – und dank der interpretatorischen Meisterschaft Hardy Rittners – erlebbar sind, wird dem Hörer unmittelbar deutlich, wie sehr Brahms mit den beiden Sonaten op. 1 und op. 5 an den Rand dessen komponiert, was auf den Flügeln seiner Zeit klanglich umsetzbar war bzw. ist. Bei Rittner wird erfahrbar, wie Brahms an Grenzen des klanglich Darstellbaren herankomponiert. Das unmittelbar zu erfahren, ist eines der großen ästhetischen Erlebnisse beim Genuss dieser herausragenden Einspielung.
Hoch expressiv
Doch neben diesen Erfahrungen sind es freilich Rittners pianistische Expertise wie seine hohe Musikalität, die für diese Sternstunde der Brahms-Interpretation einstehen. Neben der Rückbesinnung auf historische Klangvielfalt ist es auch eine Reflexion historischer Spielweisen bzw. Interpretationsideale, die Hardy Rittners Zugriff als durchweg überzeugend (und mitreißend) erscheinen lassen. Rittner scheint es nicht um eine möglichst historisch genaue, durch Quellen wasserdicht absicherbare Rekonstruktion zu gehen, sondern um eine Brahms-Interpretation, die von der (historisch vielfältig greifbaren) Unmittelbarkeit des Ausdrucks geprägt ist, von hoher Expressivität und gleichzeitiger Beleuchtung der kompositorischen Schichten.
Freilich sind die klanglichen Möglichkeiten des Bösendorfers dafür eine große Hilfe. Denn die klangliche Trennschärfer der Register, insbesondere aber die trockene Prägnanz der Bässe, lassen den polyphon durchgearbeiteten Klaviersatz der Brahmsschen Sonaten viel konturenschärfer und reichhaltiger wirken als man das gewohnt ist. Ein Übriges tut Rittners überaus kontrollierter Anschlag hinzu, der vor allem die Spannkraft melodischer Prägungen durch minimal versetzen Anschlag zum Leuchten bringt.
Aus den unzähligen, herauszuhebenden Einzelheiten sei hier vor allem erwähnt, dass Rittner Expositionswiederholungen nicht als simples Noch-einmal präsentiert, sondern etwa in der C-Dur-Sonate bei der ersten Setzung eher das Disparate der betont, in der Wiederholung dann mehr Gewicht auf das Verbindende legt. Das verrät nicht nur interpretatorische Feinfühligkeit, sondern ein hohes Verständnis musikalischer Dramaturgie. Rittner gelingt es auf exzellente Weise, sowohl die vollgriffige Monumentalität der C-Dur-Sonate zu unterstreichen wie auch die kontrapunktisch dichten, fluktuierenden Stimmungsbrechungen, etwa in der Durchführung des Kopfsatzes. Vor allem eine vollauf überzeugende Temponahme ist Ausgangspunkt eines interpretatorischen Zugriffs, der weniger das Abgezirkelte an Brahms’ hoch komplexer kompositorischer Architektur beleuchtet, sondern flüssige Übergänge schafft, gewaltiger Steigerungen aufbaut, sich der Bewegungsenergie der expressiven Geste verschreibt.
Damit gelingt Rittner auch eine glänzende Umsetzung der großartigen f-Moll-Sonate, deren erster Satz hier nicht in Einzelmomente fragmentiert, sondern in einen großen Bogen gespannt zu sein scheint. Hohe Anerkennung gilt Hary Rittner dafür, dass ihm die kantablen langsamen Sätze genauso zwingend gelingen wie die rhythmisch äußerst bewegten, antreibenden Schlusssätze.
Klangtechnisch wurden Rittners Brahms-Preziosen von den MDG-Technikern mit gewohnter Meisterschaft umgesetzt. Die klanglichen Feinheiten des historischen Flügels kommen bestens zur Geltung, selbst wenn man nur auf die zweikanalige Version zurückgreift.
Hardy Rittner gelingt damit nach dem Einstieg in die Brahms-Reihe eine weitere Glanzleistung, die die Vorfreude auf die nächste Folge gewaltig schürt. Absolut zu empfehlen!
KlassikCom, Kritik vonTobias Pfleger, 24.01.2009

Silvain Cambreling sagte von ihm: “Hardy Rittner ist einer der interessantesten jungen Künstler, die ich kennen gelernt habe. In der Tat ist der 1981 geborene deutsche Pianist eine echte Musikerpersönlichkeit. Mit seiner ersten CD beim renommierten Label MDG hat er nun ein faszinierendes Projekt begonnen: Die Einspielung der frühen Klavierwerke von Johannes Brahms auf Instrumenten seiner Zeit. […]
Hardy Rittner  beweist eine seltene Sensibilität. Kein Akzent klingt aufgesetzt, alle Nuancen werden auf Feinste wiedergegeben. […] Seit Svjatoslav Richter habe ich die Mischung von Vorwärtsstürmen und Zurückhaltung in der Sonate fis-Moll op. 2 nicht mehr so kontrastreich, so intensiv, so klug strukturiert gehört, und das will doch schon was heißen: Rittners Verständnis des Scherzos und seine Kunst der Gestaltung des Finalaufbaus ist herausragend.
Überzeugend sind ebenfalls die selten gehörten „Variationen über ein Thema von Robert Schumann“ op. 9 gestaltet. Hier gibt Rittner jeder Variation ihre Farbe, ihr Gewicht und ihre fein herausgeschälte Struktur. Seine Interpretation der Balladen, in Schumanns Todesjahr 1856 entstanden, kann ebenfalls mit den besten mithalten. Nie verliert sich der Pianist in Details, doch spielt er alles aus, und immer hat er dabei das Ganze vor Auge und gestaltet mit klug aufgebauten Melodiebögen (4. Ballade), mit subtilen Differenzierungen und sensiblen Klangeinfärbungen eine Atmosphäre, die dem Werk völlig gerecht wird.
Wer heutzutage auf internationalem Parkett eine Erfolg versprechende Pianistenkarriere in Gang bringen will, der muss klaviertechnisch über jeden Zweifel erhaben sein – das ist im Zeitalter von Hamelin und Lang-Lang, ganz unabhängig von interpretatorischen Qualitäten, eine unabdingbare Voraussetzung; liebenswürdige spielerische Unebenheiten, wie sie noch bei Clara Haskil und Zeitgenossen denkbar waren, sind endgültig passé. Es verbietet sich daher, beim Lob von Hardy Rittners Brahms-CD bei dessen hervorragender Technik anzusetzen. Der frühe Brahms ist kein Pappenstiel, das wissen wir spätestens seit Julius Katchens Gesamteinspielung (seither kennen wir weite Teile Musik überhaupt erst), und wer sich mit der fis-Moll-Sonate ins Studio begibt, der wird wohl sein Rüstzeug beisammen haben. Was aber wirklich als bemerkenswert verbucht werden muss, ist, dass ein junger Pianist (Hardy Rittner wurde 1981 geboren) am Beginn einer womöglich beachtlichen Karriere sich an ein Originalinstrument aus dem Jahre 1851 (einen Flügel von Johann Baptist Streicher aus einer Wiener Sammlung) setzt, um dieses Repertoire einzuspielen; verzichtet man nicht zum Nachteil des klanglichen Endergebnisses auf die perlende Brillanz eines modernen Flügels, die einem gerade bei so sperrigem Repertoire wie Brahms’ Sonaten, gerade bei so eigenwilligem, teils sprödem Repertoire wie den Balladen op. 10 die Arbeit wesentlich erleichtern würde? Beim Kopfsatz der Sonate noch könnte der Hörer auf diese Idee kommen. Nach einer gewissen Einhörzeit jedoch beginnt man die Vorzüge des alten Instruments zu erleben: Wie plastisch lässt sich die Mehrschichtigkeit des Klaviersatzes hier herausarbeiten – zeitweise meint man gar zwei verschiedene Instrumente zu hören! Und wie reizvoll trommelartig klingen Tonrepetitionen, die auf einem modernen Flügel entweder zur Verwaschenheit oder zum Scheppern neigen. Man vergesse die Brillanz, man lebe sich hinein in die raue Sprödigkeit eines Klaviertimbres, das sich – romantisieren wir jetzt in unzulässiger Weise? – doch ohne Weiteres mit der gefühlten Persönlichkeit Brahmsens in Einklang bringen lässt
Michael Wersin, 04.07.2008, Rondo Magazin